Angry Again

Satire: Talkrunde "Rollenspiel"

"Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust,
Die eine will sich von der andern trennen;
Die eine hält, in derber Liebeslust,
Sich an die Welt mit klammernden Organen;
Die andre hebt gewaltsam sich vom Dust
Zu den Gefilden hoher Ahnen."
Johann Wolfgang Goethe,
Faust, Der Tragödie erster Teil
"Ready for a cheap escape
On the brink of self destruction
Widespread panic
Broken glass inside my head
Bleeding down these thoughts of
Anguish... mass confusion
The world is a sick machine
Breeding a mass of shit"
Green Day, Panic Song

"Ich bin Rollenspieler.", sage ich und meine es auch so.

Das war meine Kurzvorstellung, das macht hier jeder, es wird erwartet. Die Gastgeberin, warum auch immer die so genannt wird, wo die ganze Halle doch jemand anderem gehört. Die Moderatorin also besser, wir kennen sie alle, der Name sei hier nicht verraten, sie trägt ihr Haar kurz, durch straßenköterblonde Strähnchen modisch aufgepeppt und hat immer Schuhe an ihren Füßen, die zusammen mit ihrer Garderobe oftmals an Minny Maus erinnern. Diese Moderatorin, im folgenden durch das Kürzel MS benannt, was weniger auf nautische Ausmaße als vielmehr auf ihre Initialen hindeutet. Genau diese Moderatorin dankt mir für eben jene Kurzvorstellung, wendet sich dem nächsten Gast zu und erwartet von ihm selbiges.

"Guten Abend, mein Name ist Ingo Salbinek, in bin Diplom Psychologe an der Universität Tübingen, Fachgebiet Gruppenverhalten." Den kenne ich, denke ich mir, den habe ich schon mal gesehen, der hat doch mal in Bochum in der Mensa gesessen und sich mit seinem Kalbsteak über Freud unterhalten. Völlig geschafft von der Tatsache, daß sich eben jemand nach der Vorlesung "Extremgrup-penvalidierung vor dem Hintergrund der Massentierhaltung" vorgedrängt hat, und jetzt, statt seiner, dem Professor die Aktentasche bis zur Bürotür und wasweißich noch wohin tragen durfte.

"Stimmt es, Herr Pondemski, daß es in ihrem Hobby, dem Battle Tech Rollenspiel, eine Art militärische Organisation gibt, bei der man Mitglied werden kann?" MS hat sich an den Gast gewandt, der sich vor mir vorzustellen versucht hat.

"Jau, dat stimmt", sagt Herr Pondemski, Codename ´Höllenhund´, wie der Rückenaufnäher auf seiner Schneetarnjacke kundtut, "aber militärisch würd´ ich dat nich´ nennen", fährt er nach kurzem überlegenden Kratzen am knapp behaarten Kopf fort, "dat is´ nur so, dat wir da unsere Abschüsse registrieren lassen können, das is´ wichtig, wenn man in den USA auf Einsatz geht, und, äh, ´ne Zeitschrift kriegt man da auch...manchmal."

MS nickt währenddessen ihr Verständnisnicken, Ingo grinst ein zufriedenes Geiergrinsen. Vor Deutschlands Fernsehgeräten verwandeln sich mit jedem Wort Duzende Battle Tech Spieler in Steinstatuen oder plumpsen, vom Hirntod hinweggerafft, von den Sitzmöbeln.

Während Herr Pondemski noch etwas gequält wird, entstehen vor meinem inneren Ohr Worte: Nein, Herr Pondemski, ziehen sie ruhig etwas forscheres an, haben sie nicht so etwas in Tarnfarben, ja ja, Springerstiefel wären auch nicht schlecht, ach was, die sieht man kaum, sie sitzen ja hinter einem Tisch (leider ist der aus Glas), und danach kommen sie in die Maske, die Gisela rasiert dann noch mal ihre Haare nach.

MS´s Einfühlsamstimme dringt in meine Gedanken: "Sie Herr Hüffer, wann haben sie denn zum erstenmal etwas von ihren Neigungen gemerkt?" Ich schaue etwas dämlich drein, frage: "Sie meinen, wann ich mit dem Rollenspiel angefangen habe?" MS: "Ja, wann haben sie zuerst etwas davon bemerkt?" Ich seufze: "Das muß so etwa vor 11 Jahren gewesen sein, damals erschien das heute erfolgreichste deutsche Rollenspiel zum ersten Mal." MS: "Und wie alt waren sie zum diesem Zeitpunkt?" "14 Jahre", antworte ich wahrheitsgemäß und weiß genau, was nun kommt.

"Herr Salbinek, ist dies eine ungewöhnliche Karriere?" "Ganz und gar nicht, Frau S, im Gegenteil", strahlt Ingo und streckt sich im Karstadt Anzug ein wenig. Der Polyester Stoff wird im Laufe des Abends mehrere Häärchen seiner Beine ausziepen, weswegen er manchmal mit der Wange zuckt. Putzig.

"...die Pubertät, in dieser Phase ist der junge Geist empfänglich für eine Menge Reize, insbesondere der männliche Jugendliche, bei dem sich das Gewalt- und Aggressionspotential des öfteren entlädt, findet hier eine willkommene Ergänzung zu der Ausbildung von patriarchalischen Machtstrukturen, die ihn dann durch sein ganzes Leben hinweg begleiten und eventuell sein Handeln bestimmen werden..."

Warum tut er das?, denke ich mir, außer daß er von SATT 2 ´ne Menge Asche dafür bekommt. Hofft er vielleicht, daß durch die Geißelung der Männlichkeit sich eine emanzipierte Frau, wenn schon nicht in seine dumme Fresse, so doch in seinen liberalen Geist verliebt?

"...ergo ist es quasi eine Projektion von unterbewußten Verhaltenssehnsüchten, die durch Rollenspielsysteme ins überdimensional Bizarre aufgeplustert werden." Ingo ist fertig. Und stolz.

"Also ein Pubertätssyndrom wie die Onanie und das Pickel ausdrücken", scherzt MS. Das Publikum lacht willig, waren Ingos Sätze doch ziemlich lang. Herr Pondemski windet sich in seinem Sessel. Ohne mindestens 55 Tonnen Stahl und Elektronik um sich herum und einer PPC auf der Schulter mit dem Wort Onanie konfrontiert zu werden, scheint ihm ziemlich zuzusetzen.

"Aber Scherz beiseite." meint MS, "als intensivste Ausprägung des Rollenspiels, gilt das sogenannte Live-Rollenspiel, bei der sich die Spieler direkt in die Gewandungen ihrer Charaktere hüllen und diese selbst darstellen. Was sich wie ein Kurs in Schauspielerei anhört, nimmt jedoch oftmals brutale, wenn nicht gar okkulte Formen an. Wir haben einen Gast eingeladen, der vor kurzem aus der Szene ausgestiegen ist. Guten Abend, Herr Müller."

Ein Scheinwerfer strahlt eine Gestalt hinter Milchglas an, "Guten Abend, Frau S", ertönt eine verzerrte Stimme, die an das Halsmikrofon eines Kehlkopfkrebskranken erinnert.

"Herr Müller, sie haben darauf bestanden anonym zu bleiben, fürchten sie sonst, daß sie erkannt werden?", fragt MS mit Besorgtseinfalten auf der Stirn. "Genau", surrt Herr Müller, "ich möchte nicht, daß mich jemand erkennt." Wahrscheinlich, weil er eh nur ein Produktionsassistent der Fernsehanstalt ist, denke ich bei mir.

Was für eine Rolle er denn bei den Treffen spiele, will MS wissen. "Ork". Wieviel Menschen habe er denn dabei spielerisch getötet. "ca. 58, und 14 Elfen." Was gefalle ihm denn am meisten am Live Rollenspiel. "Das Gefühl von Stärke und Macht, und auch das in der Natur sein." Wie reagierten denn andere Menschen auf seine Verkleidung. "Macht schon Spaß in voller Montur in ´ne Kneipe zu stiefeln, und die Leutchen da mit der Maske zu erschrecken." Habe er denn schon mal spielerisch eine Frau vergewaltigt. "Nee, das dürfen bei den Menschen nur Barbaren, und Orkfrauen will keiner spielen." Mir wird schlecht und ich trinke aus meinem Glas Mineralwasser.

"Herr Hüffer, würden sie sich als schizophren bezeichnen?", schießt MS plötzlich eine Frage zu mir herüber. "Nicht mehr als jeder andere auch, wenn sie bedenken, daß die Übernahme von sozialen Rollen für jeden von uns zur Grundlage seiner Existenz gehört und zusammengenommen unsere Persönlichkeit formen." doziere ich. Scheiße, warum gebe ich mir überhaupt die Mühe. "Wie lösen sie denn Konflikte in der Realität?" schiebt MS unzufrieden nach. "Nah Mann, genauso wie im Rollenspiel", stoße ich hervor. Ingo schiebt interessiert den Hühnerhabichtkopf vor und MS fragt fast glücklich: "Und wie wäre das?" "Kommt drauf an, mit Klauen, Splitterhandgranaten oder dem guten alten Langbogen."

Stille. Ein elektrisches HIC ertönt. Herr Müller hat einen verzerrten Schluckauf. HIC. "Das war natürlich nur ein Scherz.", gebe ich zu verstehen und blicke ins Publikum. Alle lachen, bis auf den Pfarrer der sich eben zu dem Thema "Kinderbelästigung in der katholischen Kirche" geäußert hat.

"Diesen kleinen Witz nehme ich zum Anlaß", sagt MS, "um einen Filmbeitrag anzukündigen. HIC Wir haben einen Rollenspieler besucht, um einen typische Spielsitzung in seiner Gruppe zu filmen." Auf der großen Leinwand erscheint das Bild eines Ruhrgebietvorortes. Auf den Straßen schlendert ein hohlwangiger Junge mit langen, schwarzen Haaren. Eine männliche Ich-kommentiere-eine-Katastrophe-Stimme ertönt: Dies ist Rüdiger K., vor 3 Wochen hat er seine Lehre zum Schreiner abgebrochen, er ist drogenabhängig und Rollenspieler. Das magere Lehrgeld reichte schon lange nicht mehr für die Module seiner Lieblingssysteme, Rüdiger K. wurde kriminell. Rüdiger K. im Sessel mit Schuldbewußtseinsblick: Na ja, und, ääh, dann haben wir ab und zu mal so´n Auto aufgebrochen, das Radio raus, wenn die Boxen gut waren, die auch... HIC Gedanken an Flucht, gerichtlichen Schritten sowie diversen Beleidigungen durchzucken mich, während sich auf der Leinwand das große Okkult- und Verbrechensbild verdichtet. Abgeschloßen von der besagten Runde: Teelichter in Pentagrammform auf dem Boden, Vampirgebiße im Mund, kurze Einspielung von Horrorfilmsequenzen. Dunkelheit. Endlich. HIC

"Nun, Herr Hüffer, ist dieser Umgang und Zweck des Rollenspiels typisch?" triumphiert MS. "Unbedingt", sage ich, "Boxen und Bücher werden nahezu ausschließlich gekauft, um damit zu pendeln, mit Trading Card Games legen wir die grausige Zukunft und wozu die Würfel gebraucht werden, überlasse ich der schmutzigen Phantasie." MS ist beleidigt, die Leute lachen schon wieder. Als unergiebiger Gast stigmatisiert, werde ich nun nicht mehr befragt, Herr Pondemski und Herr HIC Müller dafür um so mehr. Die schaffen es dann auch mit vereinten Kräften, den riesigen Haufen Scheiße noch höher zu stapeln.

MS plaudert noch ein wenig mit Ingo, ich frage mich, wann die beiden wohl heiraten werden, dann das Finish. "... konnten wir auf jeden Fall feststellen, daß hinter dem Begriff ´Rollenspiel´ mehr steckt, als hinter Gesellschaftsspielen wie ´Mensch, ärgere Dich nicht´. Jetzt eine kurze Pause, aber bitte bleiben sie am Gerät, nach der Werbung sind wir wieder da mit einer Gesprächsrunde zum Thema ´Schuhfetischismus´. Wir erwarten zwei betroffene Männer, die Sprecherin der Selbsthilfegruppe ´High Heels´ aus Darmstadt, sowie den Verkaufsdirektor von Schleichmann™. Bleiben Sie dran und sehen sie außerdem, wie wir unserem Prominenten Roger Moore an den Lügendetektor anschließen und ihm 10 intime Fragen stellen." HIC

Aus. Aufatmen.

Ich stehe auf, wurstel das lange Mikrofonkabel aus der Shorts unter meiner Hose hervor und schleudere es in Ingos Arme. "Sollen wir wetten, Frau S, daß, wenn ich sie an ihren Lügendetektor anschließe und sie frage: Sind sie völlig blöd?, wir dann einen Wahnsinnsausschlag im positiven Bereich haben?" Sie zeigt Perlweiß Beißerchen, ihre Augen das große Fragezeichen. HIC

Ich steige über die Kabelbäume, während der Kameramann an der 3 nicht weiß, ob er mir hinterherschwenken oder einen close up von MS machen soll.

Die Garderobenfrau erwacht aus ihrem Dämmerschlaf, als ich meinen Mantel fordere. Sie fragt, ob denn alles gut gegangen sei, ihr kleines Fernsehgerät hinter der Theke zeigt ´Hilfeschreie´ auf STL.

Ich gehe.

Die spinnen doch.

"Sollten sich bei der Schilderung gewisser journalistischer Praktiken Ähnlichkeiten mit den Praktiken der ´Bild´-Zeitung ergeben haben, so sind diese Ähnlichkeiten weder beabsichigt noch zufällig, sondern unvermeidlich."
Heinrich Böll,
Die verlorene Ehre der Katharina Blum